PFERDESPORT UND TIERSCHUTZ

Dr. med. vet. Maximilian Pick

Einleitung

Das Pferd hat seit seiner Domestikation in unserem und auch in anderen Kulturkreisen (z.B. Orient, Indien und China) unter den „Nutztieren“ immer eine Sonderstellung eingenommen.

Eine der frühesten Reiterdar- stellungen, ca. 1580 v. Chr. (15. Dynastie)

Seit der Antike prägte das Pferd unsere Kultur.
Während die meisten anderen Haus- und Wildtiere vorwiegend der Ernährung des Menschen dienten, war das Pferd stets ein Garant für politische und wirtschaftliche Macht. Wichtige Kriege wurden mit Hilfe der Reiterei gewonnen oder verloren.
Bis heute hat Reiten etwas mit „erhaben“, „hoch zu Ross“, „fest im Sattel sitzen“ und „lässt sich nicht abschütteln“ zu tun. Reiter und Ritter haben die selben Wortwurzeln. Ein Ritter ist ohne Pferd nicht vorstellbar. Es gibt kaum ein Denkmal auf dem sich der Herrscher nicht auf einem Pferd zeigt.
Das gute Pferd war schon immer ein Prestigeobjekt: „Wer ko, der ko“ rief (auf bayerisch) der berühmte Pferdehändler Franz Xaver Krenkl Kronprinz Ludwig zu, als er ihn mit der Kutsche - verbotenerweise - im Englischen Garten überholte.

Römische Vase mit zwei jungen Reitern, ca. 500 v. Chr. Oder war dies die erste Rollkur?

Das Reiten und Fahren wurde im Sinne einer Reit-, bzw. Fahr-„kunst“ gepflegt und der Wunsch nach einem schnellen Pferd schuf den Rennsport.
Heute ist das Pferd fast ganz auf den Pferdesport reduziert: Die Freizeitreiter galoppieren - mehr oder weniger gekonnt - durch die
Landschaft, die Turnierreiter testen ihr tierisches Sportgerät im Parcours, Viereck oder im Gelände, die Polospieler auf dem Spielfeld.
Im Rennsport versucht man mit dem Pferd Geld „zu machen“, man wet-
tet.
Vor wenigen Jahrzehnten schwappte aus Amerika ein neuer Trend des Pferdesports, das Westernreiten, zu uns herüber. Wer will nicht auch mal ein Cowboy sein?
Muss man wirklich alles, was früher einen Sinn machte, ad ultimo fortsetzen. Wo sind die Grenzen für den Pferdesport?
Das Tier – und somit auch das Pferd - wurde heute von der Gesellschaft (und den Gesetzen) zum Mitgeschöpf erklärt und der Tierschutz in das Grundgesetz übernommen.

2. Der Tierschutz und seine Wurzeln

 

2.1. Kulturelle Wurzeln
Die Philosophen der griechischen Antike zeigen bereits ein großes Mitgefühl für Tiere:
Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) glaubte, dass auch die Tiere eine Seele

haben - wenn auch nur eine vegetative und animalische. Es fehle ihnen die Vernunft als höchste Stufe der Seele. Deshalb räumte er den Tieren keine Rechte ein, ebenso wenig wie Sklaven und Kindern.
Plutarch (45 – 125 n.Chr.) sprach vom Dünkel des Menschen gegenüber dem Tier und vom Unrecht das Tieren vom Menschen angetan werde. Er hielt es allerdings für zulässig, dass man „schädliche“ Tiere tötet, fügt aber hinzu, dass es sonst nicht rechtens ist Tiere zu töten.
Hier erscheint der erste große Fürsprecher der Tiere, der Mitleid mit den Tieren hat.


Vielleicht ist das Mitleid mit anderen Geschöpfen der einzige wesentliche Unterschied zwischen Mensch und Tier.


Im römischen Reich wird das Tier zur Sache erklärt. Es wird auf dieselbe Stufe gestellt wie Frauen, Kinder und Sklaven. Eine Rechtsperson kann nur sein, wer verantwortlich handeln kann.


2.2. Tierschutz im modernen Europa
England legte den Grundstein für den Tierschutz im heutigen Sinne. 1824 wurde in England der erste Tierschutzverein gegründet (Society for the Prevention of Cruelty to Animals). Deutschland folgte 1838 mit den ersten Tierschutzbestimmungen.
Schoppenhauer (1788 – 1860) sagte: „Mitleid mit den Tieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, dass man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Tiere grausam ist, kann kein guter Mensch sein.“


Albert Schweitzer
(1875 – 1965) ist wohl heute der bekannteste Vertreter des Gedankens der „Ehrfurcht vor dem Leben“, er sagt: „...ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Aber er sagt auch: „Wenn so viel Misshandlung der Kreatur vorkommt, wenn der Schrei der auf dem Eisenbahntransport verdurstenden Tieren ungehört verhallt, wenn in unseren Schlachthäusern so viel Rohheit waltet, ... tragen wir alle Schuld daran.“
1972 wurde in Deutschland das neue Tierschutzgesetz eingeführt. Es dient nun dem Schutz des Tieres, seines Lebens und Wohlbefindens: Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.
Eine Novellierung des Tierschutzgesetzes erfolgte 1987. Es wurde der Ausdruck für das Tier als „Mitgeschöpf“ in das Gesetz aufgenommen.

Die Grundlagen des Tierschutzes im Pferdesport


a)    Das Tierschutzgesetz

b)    Leitlinien des Bundesministeriums

c)    Ethische Grundsätze (der FN) Horsemanship


Die wichtigsten Bestimmungen im Tierschutzgesetz


a)    §1 Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder

       Schäden zufügen.
b)    Es ist verboten einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen

       es ... nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen.
c)    Es ist verboten ein Tier auszubilden, sofern damit erhebliche Schmerzen,

       Leiden oder Schäden für das Tier verbunden sind.
d)    Es ist verboten Dopingmittel anzuwenden.


3. Leitlinien des Bundesministeriums (BMELV)


Gezielt auf den Pferdesport und die Pferdehaltung wurden erstmals Leitlinien erlassen:
1992    Leitlinien für den Tierschutz im Pferdesport und

1995    Leitlinien zur Beurteilung von Pferdhaltung unter

           Tierschutzgesichtspunkten
2009    Überarbeitung der Leitlinien zur Pferdehaltung (BMELV)


Die Leitlinien sind notwendig, damit der Gutachter, Amtstierarzt, Staatsanwalt oder Richter Anhaltspunkte hat, wie das Tierschutzgesetz im Detail auszulegen ist.
Unterpunkte der Leitlinien zum Pferdesport können wie folgt genannt werden:


a)    Der Umgang mit Pferden bei Ausbildung und Nutzung

b)    Ausbildungsbeginn, Einsatz und Wettbewerbe

c)    Ausrüstung und Geräte

d)    Doping


4. Ethische Grundsätze des Pferdefreundes (FN)


Der FN genügten die Leitlinien des BMELV nicht, sie meinte noch ethische Grundsätze zufügen zu müssen. Ähnliches hat auch FEI getan: „Code of Conduct“.
Die ethischen Grundsätze wurden 1995 vom „Arbeitskreis Ethik“ der Deutschen Reiterlichen Vereinigung beschlossen und verabschiedet.


Es handelt sich um 9 Punkte, die sich mit folgenden Themen

beschäftigen:


a)    Pflicht zu Verantwortung dem Pferd gegenüber

b)    Artgerechte Haltung

c)    Sorge um physische und psychische Gesundheit

d)    Gleichheit der Pferde

e)    Pflicht des Menschen zur Vermittlung von Wissen

f)     Umgang mit dem Pferd als Persönlichkeitsprägung

g)    Ausbildung von Mensch und Tier zur Erreichung einer größtmöglichen
       Harmonie

h)   Nutzung des Pferdes gemäß Veranlagung und Leistungsvermögen

i)    Verantwortung des Menschen gegenüber dem Pferd bis zu seinem Tod im
      Sinne des Pferdes


Diese ethischen Grundsätze stellen eine wertvolle Diskussionsgrundlage dar. Sie sind ähnlich wie die Leitlinien des Bundesministeriums eine Basis, von der ausgehend manche Fragen leichter zu beantworten sind.
Es wäre wünschenswert, wenn diese ethischen Grundsätze von allen anderen Pferdesportorganisationen, auch denjenigen, die nicht unter dem Dach der FN stehen, übernommen würden (Rennsport, Polo, Westernsport).

Bezeich- nenderweise haben sich diese anderen Organisationen bisher dieser Verpflichtung entzogen.


5. Das Horsemanship


Nach Jasper Nissen versteht man unter dem Horsemanship eine umfassende Pferdekenntnis, die zugleich eine faire, gewissermaßen ritterliche Grundhaltung gegenüber dem Pferd einschließt.
Nach Meinung des Autors setzt sich ein horsemanship aus folgenden Eigenschaften des Menschen zusammen:

 

a)    ein umfassendes Wissen um das Pferd

b)    eine gekonnte Nutzung und Behandlung des Pferdes unter Be-
       rücksichtigung des Tierschutzgesetzes, der Leitlinien und der Ethik


Ein Horsemanship kann nur jemand haben, der sich eine besondere Verbindung zum Pferd geschaffen hat. Ein fehlendes Horsemanship kann man heute besonders häufig feststellen.
Beim Durchschnittsreiter oder -fahrer vermisst man sehr oft diese besondere Verbindung zum Pferd. Oft kann der Reitlehrer, Fahrlehrer oder Trainer, weil ihm das horsemanship fehlt, dieses horsemanship auch nicht vermitteln.
„Gurus“ wie Tellington-Johns, Hempfling, Monty Roberts, Andrea Kutsch u.a. springen in diese Bresche ein. Vielleicht machen sie damit einen finanziellen Gewinn, mehr aber auch nicht.
Der Satz: Früher gab es „Pferde-Leute“, heute haben Leute Pferde gibt zu denken.

6. Beispiele für die Missachtung der oben aufgeführten Regeln und Prinzipien
6.1. Verstöße gegen das Tierschutzgesetz 6.1.1. Überforderung
§ 3    Es ist verboten einem Tier außer in Notfällen Leistungen abzuverlangen, denen es wegen seines Zustandes offensichtlich nicht gewachsen ist oder die offensichtlich seine Kräfte übersteigen, ...
Reitsport, Distanzrennen
Im Einzelfall kann es schwierig sein, während eines Wettkampfes eine Überforderung zu erkennen. Wie wäre es sonst zu erklären, wenn erst nach einem schweren Sturz auf der Vielseitigkeitsstrecke, das erschöpfte Pferd von einem Richter aus dem Wettkampf genommen wird. Es sind deshalb im Vorfeld strengere Maßstäbe anzulegen.
Was nutzen die zahlreichen Streckenkontrollen während einem Distanzrennen, wenn ein Pferd, wie in Aachen geschehen, auf der „mörderischen“ Strecke von 160 km (!) eine Überforderung der Skelettmuskulatur erleidet und eingeschläfert werden muss.
Wie kann man überhaupt ein Distanzrennen über 160 km zulassen?

160 km Distanzreiten ist Tier- quälerei pur! Auch Wasserkühlung kann das nicht ändert. Foto: CAVALLO/www.cavallo.de

Rennsport


Über Verletzungen im Rennsport liegen Statistiken vor:
Nach einer Statistik von Herzog und Lindner (1992) zeigten von 436 im Training 16 Monate lang beobachteten Pferden 55,3% (235) Erkrankungen des Bewe- gungsapparates.
Von diesen 436 beobachteten Pferden verließen 52,5% (228) wieder den Rennstall:


42% wegen mangelnder Leistung = 96 Tiere,

31% wegen Krankheit = 71 Tiere,

22% wegen Trainingswechsel = 50 Pferd,

5% wegen Tod = 11.


Kann ein Pferdesport akzeptiert werden, bei dem von 436 Pferden 82 (18%) Pferde wegen Krankheit oder Tod nach 1,5 Jahren aus dem Sport wieder ausscheiden müssen?


Bedenkt man, dass die mangelnde Leistung auch noch zum Teil aus nicht diagnostizierten Krankheiten resultieren, so erhöht sich die Zahl von 82 sicherlich auf mehr als 100 (23%) Tiere.


Nach einer Statistik des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen sind nur 10% aller Pferde auf der Rennbahn älter als 8 Jahre. Nach der Statistik von Herzog und Lidner waren nur 10% älter als 4 Jahre. Die überwiegende Anzahl der Pferde werden also im Alter von 2 – 4 Jahren eingesetzt.


Das Pinhooking, ein Geschäft mit jungen Nachwuchsrennpferden in den USA, zeigt (2009) ebenfalls die Tierschutzrelevanz des Sportes auf.


Folgende Rechnung wurde hier aufgemacht:


40 Vollblutjährlinge wurden von einem Unternehmen gekauft und 1⁄2 Jahr lang trainiert. Nach 6 – 8 Monaten wurden die Pferde wieder verkauft:
4 Pferde wurden als „schnell“ eingestuft, sie erbrachten einen mittleren Gewinn von 14.000.— $ (insgesamt 56.000.—$)
21 Pferde erwiesen sich als durchschnittlich, sie brachten keinen Gewinn.
15 Pferde waren zu langsam, sie brachten einen durchschnittlichen Verlust von 8.000.–(120.000.—$).
Das Ergebnis war eine Gesamtverlust von 64.000.—$.
Mit anderen Worten: „Kinderarbeit“ ist unrentabel.


Ergebnis: Die überwiegende Anzahl der Pferde ist, wegen des jugendlichen Alters, den geforderten Leistungen nicht gewachsen (die Frühreife ist ein Wunschtraum der Verantwortlichen).


Die Pferderennen widersprechen somit eindeutig dem §3 des Tierschutz- gesetzes.


Aus dem Trabrennsport liegen keine derartigen Statistiken vor, aber sie würden sicherlich nicht besser ausfallen.


6.1.2. Ausbildung


§3    Es ist verboten ein Tier auszubilden, sofern damit erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden verbunden sind.


Turniersport, Springen


Als Schockemöhle seine Verkaufspferde barrte (Schlag mit der Hindernisstange gegen die Vorhand) und dies als heimliche Videoaufnahme durch die Presse ging, war die Aufregung groß, aber schon bald wieder vergessen. Die FN schämte sich damals nicht, das Barren zum Touchieren umzubenennen und an bestimmte „tierfreundlichen“ Kriterien zu binden. (Stangengewicht max. 2 kg, Länge max. 3m, Ausübung nur durch „erfahrene Pferdefachleute“). Hier wird auch heute noch gegen die vorherige Bestimmung (...den Leistungsanforderung nicht gewachsen) im Zusammenhang mit dem Ausbildungsverbot mit Schmerzerzeugung verstoßen.
Zum Drahtspringen muss man ähnliches sagen: Es kann kein legales Mittel der Ausbildung von Springpferden sein, diese über Hindernisse gehen zu lassen, deren Höhe (oder Breite) von den Pferden nicht eingeschätzt werden kann. Schmerzen, Leiden und Schäden sind hier vorprogrammiert.


6.1.3. Doping


§3    Es ist verboten bei sportlichen Wettkämpfen oder ähnlichen Veranstaltungen Dopingmittel anzuwenden.


Turniersport


Nach den Sportreglements der meisten Pferdesportorganisationen wird der Verantwortliche bestraft, wenn er gegen das Dopingverbot verstößt. Warum erstatten aber die Pferdesportverbände bei einem Verstoß gegen das TSG aber keine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft? Die Verstöße werden nur „intern“ geregelt.
Bei den letzten Dopingskandalen (Werth, Ahlmann, Beerbaum, um nur einige zu nennen) wurde eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft von der Tierschutzorganisation PETA getätigt, nicht von der FN!


Polo


Warum besteht im Polosport bis heute keine regelmäßige – von offizieller Seite bestimmte- Dopingkontrolle? Hier wird das Doping nicht routinemäßig kontrolliert.
Schon Prinz Phillip hat gesagt: „Buta oder Bullet“ – frei übersetzt: „Entweder Doping oder Schlachten“!
Geradezu naiv wirkt die Aussage eines Polo-Tierarztes, dass der Verband ihm freie Hand bei Dopingkontrollen lässt. (Tierärztekongress in Rosenheim 2009).

6.2. Verstöße gegen die Leitlinien Tierschutz im Pferdesport


Hier seien nun im folgenden einige Beispiele aufgeführt:


6.2.1. Hilfzügel, Schlaufzügel


Leitlinie: „In der Regel soll bei Ausbildung und Training auf Hilfszügel verzichtet werden ... .“
Es gibt aber kaum einen Turnierstall, der ohne Schlaufzügel auskommt und kaum ein Springreiter, der nicht diese Hilfszügel benutzt.
Im Dressursport ist die Rollkur sehr beliebt - neuerdings als Hyperflexion beschönigt - und wer nicht ohne Schlaufzügel diese „Hyperflexion“ erreichen kann, der benutzt eben dieses Hilfsmittel. Ein derartiger Gebrauch von Hilfszügeln ist aber tierschutzwidrig und wird in den Leitlinien ausdrücklich abgelehnt.

Einsatz von Schlaufzügeln [Foto: CAVALLO/www.cavallo.de]
Trabrennen – Overcheck, angebundene Zunge, Scheuklappen [Stern, 1997, „Verprügelt, verschnürt, verheizt“]
Traber in Rennausrüstung [FiE Verlag, 1988, „Der Traber“ von Jörgen Falk-Rönne]
Ohrenkappen, Seitenstangen, Scheck [Stern, 1997, „Verprügelt, verschnürt, verheizt“]

6.2.2. Peitsche


„Der Gebrauch der Peitsche ... darf über eine Hilfegebung nicht hinausgehen“: Im Rennsport (je nach Trab- oder Galoppsport) ist der Peitschengebrauch zwar inzwischen limitiert auf wenige Schläge (3 - 7), diese werden aber heftigst
auf die ohnehin an ihre Grenzen laufenden Pferde ausgeführt. Bisher werden die Jockeys oder Fahrer wegen Peitschenmissbrauchs nur von der Verbandsgerichtsbarkeit bestraft. Es ist meines Wissens noch niemals
eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erfolgt.

Striemen auf der Hinterhand

6.2.3. Kontrolle des Gesundheitszustands


Leitlinien: „Bei allen Prüfungen, die mit besonders hohen Leistungsanforderungen verbunden sind ... , sollten die Pferd vor dem Einsatz durch einen Tierarzt einer Verfassungsprüfung unterzogen werden.“ Wo aber findet die Untersuchung bei den Rennpferden statt? Etwa im Führring oder beim Turnier auf dem Abreiteplatz? Wo ist der Tierarzt beim Polospiel oder beim Turnier? Er ist aus finanziellen Gründen meist nur in Rufbereitschaft. Hier verstößt der Rennsport, die FN oder der Poloverband ganz offensichtlich gegen die Leitlinien.


6.2.4. Anforderungen


Nicht jedes Pferd ist für jede Sportart geeignet: Manche Pferde springen besser, manche gehen lieber Dressur, manche keines von beiden. Sehr oft werden Pferde gequält, weil sich der Besitzer, Reiter, Trainer keine Gedanken über das Leistungsvermögen und die Eignung der Pferde machen.
Manche Anforderungen aber sind überhaupt nicht pferdegerecht wie z.B. Polo, Rodeo, 160 km Distanzritte.


6.2.5. Losgelassenheit, Gelassenheit


Diese neue Tendenz von Gelassenheitsprüfungen bei der FN erscheint sinnvoll.
Warum wird aber ein Pferd mit seinem Reiter auf der Weltmeisterschaft in Aachen ganz vorne platziert, welches permanent mit dem Schweif schlägt? Aus Sicht einer in der Dressur geforderten Losgelassenheit kann dies nicht nachvollzogen werden.
Völlig unverständlich ist es ein Pferd mit „Shivering“ (Muskelzittern) in Dressur auszubilden zu wollen (Werth!). Hier kann sich niemals eine Losgelassenheit einstellen.
6.2.6. Widernatürliche Lektionen


Im Westernsport und der Dressur
Widernatürliche Lektionen müssen als problematisch eingeschätzt werden. Ist der Sliding Stopp oder der Spin im Westernsport eine artgerechte Lektion?
Sind es die Capriole, die Levade, die Courbette oder die Pesade?
Sind alle Bewegungsabläufe, die das Pferd in der freien Natur kurzfristig zeigt, als natürlich anzusehen und dürfen sie auch vom Pferd unter einem Reiter verlangt werden?


6.2.7. Wettbewerbe


... in denen es zu kampfähnlichen Situationen zwischen Tieren oder zwischen Mensch und Tier kommt sind in jedem Fall als tierschutzrelevant abzulehnen.
Im Westernsport sind dies z.B. Roping und Rodeo.

Roping – Einfangen eines Kalbes [Müller Rüschlikon, 1998, Cutting – mit Rindern arbeiten, Renate Ettl]
Rodeo – Kampf zwischen Mensch und Pferd [Müller Rüschlikon, 1998, Cutting – mit Rindern arbeiten, Renate Ettl] Rodeo: Das Vertrauen zum Mensch ist hier unerwünscht

6.2.8. Kosmetik


Im Westernsport
In Halter-Wettbewerben (Westernsport) werden die Pferde durch Abschneiden der Tasthaare um das Maul herum schön gemacht.
Dies muss als Amputation definiert werden, da die Tasthaare Nervenenden enthalten. Diese „Kosmetik“ ist deshalb nach dem TSG verboten.


Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Tierschutz im Pferdesport durch das TSG und die 1992 erlassenen Leitlinien nicht wesentlich verbessert werden konnte.


Schon 1977 (!) erschien ein Buch von Horst Stern in 4. Auflage mit dem Titel: Sterns Bemerkungen über Pferde. Inzwischen hat sich leider nicht viel geän- dert.


6.3. Verstöße gegen die Richtlinie „Ethische Grund- sätze“ (FEI: Code of Conduct)

Die „ethischen Grundsätze“ sind ein vorbildlicher - hoffnungsvoller Anfang, aber bisher können sie nur als Lippenbekenntnisse gewertet werden.


6.3.1. Punkt 4.c) – „Der physischen wie psychischen Gesundheit des Pferdes ist unabhängig von seiner Nutzung oberste Bedeutung einzuräumen.“


Im Turniersport


Wo bleibt aber die psychische Gesundheit bei einem ausschließlich in Boxen ge- haltenem Pferd, welches einmal am Tag 1 Stunde von seinem Reiter - mehr oder weniger gekonnt - bewegt wird. Sein Weg ist Stall - Reithalle - Stall, vielleicht dazwischen noch die pferdeunfreundliche Führmaschine.

Wo bleibt die psychische Gesundheit von erfolgreichen Dressurpferden, die ne- ben dem Stall und der Halle nur noch den Transport zu hochkarätigen Turnieren kennen. Möglichst von einem Turnier zum anderen, keine Koppel, keine Gesellschaft mit anderen Pferden, keine lösenden Spazierritte, keine Abwechslung in der Arbeit.
6.3.2. Punkt 4.i) – „Die Verantwortung des Menschen für das ihm anvertraute Pferd erstreckt sich auch auf das Lebensende des Pferdes. Dieser Verantwortung muss der Mensch stets im Sinne des Pferdes gerecht werden.“
Hierzu nur eine Nachricht aus dem Rennsport [„Galopp Intern“, 14.9.2006]: „Weil eine dreijährige Stute „Messaia“ am 2. Juli 2006 in einem Maidenrennen in Köln weit zurück eingekommen war, ließ sie sein Besitzer, Herr Reinhard Jahn, aus Vienenburg im Harz, schlachten. Es war das 2. Rennen der jungen
Stute“. Der Galopprennsport untersteht nicht der FN, aber dies hätte sich ebenso
im Turniersport ereignen können.Es werden auch im Reitsport nicht mehr „verwendbare“ Pferde über den Schlachthof „entsorgt“ oder unter einem anderen Vorwand getötet.


Nach dem TSG ist eine Tötung nur mit „vernünftigem Grund“ statthaft. Der vernünftige Grund ist der Verzehr des geschlachteten Pferdes. Aber
wer möchte das wirklich?


6.4. Verstöße gegen das horsemanship


Erinnern wir uns ... Ritterliche Grundhaltung gegenüber dem Pferd: Doping, Rollkur, Schlaufzügel, Peitschenmissbrauch, rücksichtloses Spiel im Polo, Barren - Pardon - Touchieren, Drahtspringen, Rennen mit unreifen Pferden, Schlachten als Entsor- gungsmethode, das horsemanship: wo ist es??


7. Vorschläge zum tierschutzgerechten Pferdesport


7.1.    Alle Verstöße gegen das TSG müssen von den Pferdesportorganisationen zur 

          Anzeige gebracht werden (Doping, Peitschemissbrauch, nicht artgerechte

          Haltung etc.).
7.2.    Pferdesportarten, bei denen gewettet wird (Rennsport), müssen im

          Reglement grundsätzlich überarbeitet werden. Die Rennordnung ist streng im

          Sinne der Leitlinien zu erstellen.
7.3.    Im Pferdesport sind die Leitlinien und die ethischen Grundsätze strikt zu

          beachten. Bei Hinweisen auf einen Verstoß gegen die Leitlinien ist ein

          unabhängiger Tierschutzbeauftragter mit einer Überprüfung zu beauftragen.

          Im Falle einer Bestätigung eines Verstoßes ist der Verantwortliche zu

          bestrafen.
7.4     In jeder Pferdesportart müssen Dopingkontrollen vorgeschrieben werden.

          Dieses Gebot muss vom Amtstierarzt überwacht werden. Ohne

          Dopingkontrollen dürfen keine Wettkämpfe stattfinden.
7.5.    Sportarten, die nicht auf einem Vertrauen zwischen Mensch und Tier

          beruhen sind zu verbieten (z.B. Rodeo, Roping).
7.6.    Pferdesportarten, die den naturgegebenen Fähigkeiten des Pferdes

          widersprechen und/oder eine Überforderung auf Grund unnatürlicher   

          Bewegungsabläufe mit sich bringen oder eine permanente Überforderung

          darstellen, sind zu verbieten (z.B. Distanzrennen, Rodeo, Polo).
7.7.    Eine Pferdehaltung ist nur zu gestatten, wenn die Pferde entsprechend den

          Leitlinien zur Pferdehaltung unter Tierschutzgesichtspunkten strikt beachtet

          werden.
7.8.    Vorbildfunktion: Es kann kein Vorbild sein, wenn eine Turnierreiterin ein

          Dressurpferd mit der Krankheit „Shivering“ starten möchte (Werth). Es kann

          kein Vorbild sein, wenn eine Reiterin mit Rollkur gewinnt, wenn

          sie anschließend keine Ehrenrunde im Galopp gehen kann, von Polizisten

          eingefangen werden muss und ein anderes Mal eine Ehrenrunde im Trab mit

          einem geliehen Pferd absolviert (van Grunsven). Es kann kein Vorbild sein,

          ein ständig mit dem Schweif schlagendes Pferd zu platzieren, auch wenn es 

          sich sonst um ein „Bewegungswunder“ handelt (Helgstrand).


Es sollte ein Ehrenpreis auf jedem Turnier oder Rennen für den fairste Reiter ausgeschrieben werden, für einen Reiter oder Fahrer der sichtlich ohne Gewalt reitet oder fährt, ohne Hilfszügel oder andere quälerische Hilfsmittel wie Sporen, Ohrenstöpsel, Zungenbänder, oder Peitscheneinsatz auskommt.
Es sollte ein Ehrenpreis gegeben werden für einen Reiter oder Fahrer, der zu Gunsten seines Pferdes auch mal auf einen Sieg oder eine Platzierung verzichtet.
Statt tierquälerische Sportarten zu sponsern, sollte mancher Autohersteller, Uhrenfabrikant oder Textilhersteller den fairsten Reiter auszeichnen.
Fairness statt Tierquälerei, das muss doch auch eine gute Werbung sein?!

 

 

 

 

 

Zum Autor


Dr. med. vet. Maximilian Pick


Fachtierarzt für Pferde, Fachtierarzt für Tierschutz, öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger (Aufsichtsbehörde IHK), Autor mehrerer Fachbücher, zahlreicher populär-wissenschaftlicher Artikel und wissenschaftlicher Beiträge in Fachjournalen, Mitverantwortlicher für die Leitlinien des Bundesministerium für Pferdehaltung und für Pferdesport, Kurator des SVK, Co-Autor der „Liste zur Beurteilung von Minderungen des Verkehrswertes eines Pferdes (SVK-Verlag 2003), Der Verkehrswert eines Pferdes und seine Minderungen (Veterinärspiegel- Verlag 2009), langjähriger Inhaber einer Pferdeklinik und Rennbahntierarzt, Betreiber einer Reitanlage, ehemaliger Turnierreiter, heute noch aktiver Reiter.


Adresse: Dr. Maximilian Pick, Holzen 1a, D-82057 Icking Telefon: +49 (0)8178 3670, Fax: +49 (0)8178 7329 E-Mail: gutachter@drpick.de, Website: www.drpick.de

 

 

 

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