Bemerkungen über Pferde

 

 

So steigert man im nutzlosen Kampf gegeneinander die Erregung über und unter dem Sattel. So lebt man, nach 5000 Ehejahren, noch immer aneinander vorbei. Man kann der Reiterei überhaupt die Anmerkung nicht ersparen, dass sie das Pferd zwar für ihre Zwecke in allen seinen Muskeln und Gelenken genauestens analysiert hat, um die Tiere nach einem stark ästhetisch beeinflussten Geschmacksbild um so besser gymnastisch formen zu können, dass sie aber vom genotypischen Verhalten ihrer Tiere wenig oder nichts methodisch Gesichertes zu berichten hat.

Die Federn ihrer Militärs, Züchter, Lehrer und Bereiter erschöpften sich zumeist in Historizismus, Exterieur-Formalismus, Blutlinien-Magie, Hinterhand-Fetischismus und Pferdegymnastik – alles in oft wallenden Wortgewändern. Freilich ist das substantielle Niveau der ersten Autorengarnitur hoch, doch sehe ich wenig oder nichts, wo ihr das Pferd etwas anderes gewesen wäre, als Objekt ihrer Gesäße und Gedanken – zuweilen in dieser Reihenfolge. Das schließt tiefgefühlte humane Postulate nicht aus. Subjektivierungen des Pferdes indessen geraten meist zur unerträglichen Lyrik oder zum Stalljargon.

Die Pferde sind, wenn sie nicht ohnehin die besseren Menschen sind, „laurig", „ehrlich" oder „unehrlich". Die „Verbrecher" unter ihnen nicht zu vergessen.

Es sei die Todsünde eines Springpferdes, so las ich es wörtlich bei einem prominenten zeitgenössischen Autor, einen Sprung zu verweigern. In einer Zeit, in der die Verhaltensforscher die feinsten Regungen der sozial lebenden Tiere zerfasern und die moderne Tierzucht selbst bei so angepassten, um nicht zu sagen: degenerierten Tieren wie Rind, Schwein und Huhn die große Bedeutung von Revier, Rang und Rudelbindung für Leistung und Wohlbefinden erkennt, lebt das Turnierpferd das unerforschte Leben eines Equiden-Jet-Sets: mit Auto, Flugzeug, Schiff und Bahn von einem Stall in den anderen.

Die Welt des Nasentiers Turnierpferd ist ein emotionales Chaos, vermute ich.

Überdies wird das Sozialverhalten, das diese reisenden Vagabunden der Herde notgedrungen in einer Ersatzbindung an ihren Reiter oder - öfters - Pfleger ausleben, frustrierend oft gestört durch den Handelswarencharakter dieser Pferde. Man wechselt sie nicht selten wie die Autos. Temperamentsschwierigkeiten sind weit verbreitet. Auf Stresskomponenten hat sie meines Wissens noch niemand untersucht. Dafür stehen in den Stallapotheken heute die Pillenschachteln und Pharmaka herum.

Der Exterieur-Kult hat in der Hippologie eine reiche Literatur mit einer eigenen Fachsprache entwickelt. Veröffentlichungen zum Verhalten der Pferde aber haben Raritätswert.

Aus: (Bemerkungen über Pferde von Horst Stern. Statt der Brille die Panik )